Der Duisburger Kreativkopf Martin Tazl hat in den vergangenen Monaten eine Erfolgsgeschichte der besonderen Art erlebt: Der Manager der amerikanischen Nu- Metal-Band Limp Bizkit fragte Tazl, ob der nicht Lust hätte, die Internetpräsenz der Band zu erstellen. Das Ungewöhnliche dabei ist, dass Tazl sich weder für den Auftrag beworben noch eine besondere Beziehung zu den Musikern hatte. Das hat sich seitdem natürlich geändert.
Die Tazl-Strategie
Tazls derzeitiger Erfolg ist nicht vom Himmel gefallen. Er ist ausgebildeter Druckvorlagenhersteller und hatte bereits einige Jahre Erfahrung im Print- und Screendesign bei verschiedenen Agenturen gesammelt, bevor er 2002 den Schritt in die Selbständigkeit wagte. Bereits 1997 fing er an, seine selbst gestalteten Bildschirmhintergründe auf diversen Internetseiten zu veröffentlichen und kostenlos zum Herunterladen bereit zu stellen.
„Ich werde oft beklaut“, sagt Tazl, „aber der weltweite Zuspruch macht das wieder wett.“ Und in der Tat wurden nach einiger Zeit „Desktops designed by Tazl“ zu einer echten Marke im Netz. „Die Leute schrieben begeisterte E-Mails von der ganzen Welt“, erzählt Tazl vergnügt, „aus Argentinien, Nepal, Neuseeland ... das war schon geil.“
Auf diese Weise war auch Fred Durst, Sänger von Limp Bizkit, auf Tazl aufmerksam geworden und hatte dessen Internetseite über ein Jahr lang unter Beobachtung gehabt, bis er sich entschloss, über seinen Manager Kontakt mit dem Designer aufzunehmen.
Die Strategie Tazls, alternative Vertriebswege zu eröffnen und seine Bekanntheit durch Mund-zu-Mund-Propaganda zu steigern, geht auf – die Qualität seiner Desktops spricht für sich.
„Ich bekomme meine Aufträge ohne Eigenakquise“, fasst Tazl die Ergebnisse seines subtilen Vorgehens zusammen. Insofern ist die Art der Anfrage von Limp Bizkit im Prinzip nichts Ungewöhnliches für Tazl, sondern passt offiziell zu seinem ganz gewöhnlichen Auftragseingang.
Inoffiziell freut sich der Duisburger natürlich sehr über gerade diesen Auftrag, hat er ihn doch quasi über Nacht von einem lediglich innerhalb der Szene bekannten Designer zu einer echten Berühmtheit gemacht. Interviews und Artikel in Spiegel-Online, der Neuen Ruhr Zeitung und anderen Zeitungen wie auch ein Fernsehinterview bei SAT1 waren die Konsequenz.
Kommunikation im 21. Jahrhundert
Natürlich gibt es ein Telefon und selbstverständlich können auch auf dem Postweg Nachrichten ausgetauscht werden, aber ein PowerBook mit einer iSight-Kamera ist auf jeden Fall die netteste Möglichkeit der Kommunikation.
Morgens um Fünf in Duisburg, Deutschland setzt sich Tazl vor seine iSight-Kamera, die an seinem 15”-PowerBook festgemacht ist. Auf der anderen Seite der Erde, Los Angeles, 20 Uhr, begibt sich gleichzeitig Fred Durst vor sein 17”-PowerBook mit iSight.
Die beiden besprechen den Stand der Limp Bizkit-Seite oder tauschen sich einfach freundschaftlich aus – ein solches Gespräch kann manchmal schon drei Stunden dauern. Im Augenblick sprechen die beiden wieder häufiger miteinander, da eine neue Version der Homepage Ende Dezember ins Netz gehen soll.
Dank iSight und iChat AV macht es auch nichts, wenn die Band irgendwo auf der Welt auf Tour ist.
Arbeitspferd Mac OS X
In seiner täglichen Arbeit vertraut Tazl fast ausschließlich Mac OS X. „Nur die Schriftenverwaltung läuft bei mir noch unter Classic“, gesteht er ein.
Sich selbst bezeichnet er als „updatesüchtig“ und gibt zu, dass er immer das Neueste laufen haben muss. Schon die Public Beta, die Apple 2000 veröffentlichte, hat er sich angesehen, hat aber böse Erinnerungen daran.
„Damals habe ich gedacht: Never change a running system. Mit einem so langsamen und verspielten Betriebssystem wollte ich nichts zu tun haben. Seitdem ist aber viel passiert.“ Mit der Veröffentlichung von Mac OS X 10.1 im März 2001 stieg Tazl auf das neue System um und hat es nicht bereut. „Ich kann es aber durchaus verstehen, dass manche Leute Respekt vor dem Umstieg von Classic auf OS X haben, schließlich ist es auch eine Frage der Zeit, einen Systemwechsel sauber über die Bühne zu kriegen.“
Auch sieht sich Tazl als „Mac-Poweruser“ und ist stolz darauf, alle seine Computerprobleme selbst lösen zu können. Auch Freunden half er gerne aus, wenn diese sich Hilfe suchend an ihn wandten. Mit Mac OS X jedoch eröffnete sich ihm ein völlig unbekanntes Gebiet, so dass auch er anfangs ratlos war. Inzwischen beherrscht er aber sein System und freut sich auf das neue Mac OS X 10.3 Panther, auf das er demnächst umsteigen möchte.
Partnerschaftsnetzwerk
Bei seinen Aufträgen verlässt sich Tazl oft auf die Kompetenz seiner Freunde und Geschäftspartner vom Kreativen Netzwerk. Auch beim Limp Bizkit-Projekt half ihm der befreundete Duisburger Flashdesigner Tom Hafner. In dem Kreativen Netzwerk sind Programmierer, Texter, Gestalter und Musiker organisiert, die sich kennen und mögen, so dass neben dem Geschäftlichen auch das Freundschaftliche nicht zu kurz kommt.
„Ich mag, was ich tue“, so Tazl, „die Übergänge vom Geschäftspartner zum Freund/Freundin waren bei mir schon immer fließend.“
Eingesetzte Programme
In seiner täglichen Arbeit setzt Tazl hauptsächlich Adobe Photoshop ein und entscheidet je nach Auftrag, welche weiteren Programme notwendig sind. Auf die Tatsache, dass er auch Print macht, legt Tazl viel Wert, schließlich habe er im Druckbereich gelernt.
„Aber Screendesign bekommt einfach viel mehr Beachtung“, erklärt Tazl. Das ist richtig, denn Tazl erstellt auch Flyer, Poster und andere Drucksachen, aber bekannt geworden ist er durch seine Bildschirmhintergründe und durch den Auftrag von Limp Bizkit.
So setzt er alle gängigen Layoutprogramme wie etwa QuarkXpress, Adobe Indesign ein und arbeitet so oft er kann viel an seinem Grafiktablett. Nur die Schriftenverwaltung wird noch von ATM in der Classic-Umgebung vorgenommen. „Auf das Programm Schriftsammlung, das bei Panther dabei ist, bin ich gespannt“, sagt Tazl und drückt so seine Hoffnung aus, bald auf die Classic-Umgebung verzichten zu können.
Mehrfacher Kreativkopf
Weniger bekannt ist Martin Tazl als Musiker. Seit nunmehr über zehn Jahren singt er in diversen Gruppen und war an zahlreichen Musikprojekten beteiligt. Dabei komponiert und textet er größtenteils selbst. Einige seiner Lieder stellt er auf seiner Homepage kostenlos zur Verfügung.
Zehn funkige Songs stehen dort zum Download bereit. Sein Hang zur Musik hat ihm bei der Erstellung des Limp Bizkit-Projekts auch sehr geholfen, denn schließlich verstehen sich Musiker untereinander erfahrungsgemäß gut, auch wenn sie aus verschiedenen musikalischen Richtungen kommen.
Mehrfacher Familienvater
Wahrscheinlich mag Tazl Mac OS X so sehr unter anderem wegen des präemptiven Multitaskings des Betriebssystems. Dadurch ordnet das System jedem seiner laufenden Prozesse eine bestimmte Zeit zu, in der ein Programm seine Aufgaben erledigen kann. Dabei geht das Betriebssystem fair vor und verteilt nacheinander unter allen laufenden Programmen die vorhandenen Rechnerressourcen.
So ähnlich macht es auch Tazl mit seiner Zeit. Trotz der guten Auftragslage findet Tazl immer noch Zeit für seine beiden Kinder, in die er regelrecht vernarrt ist. Seine aktuelle Berühmtheit kostet ihn natürlich mehr Zeit, aber so ganz unrecht wird ihm das bestimmt nicht sein.
Mac People Interview:
Welche Gedanken stecken im Kopf vorm Mac, wessen grazile Hände oder Arbeiterpranken liebkosen oder malträtieren die Tastatur, welche künstlerischen, organisatorischen oder technischen Arbeiten werden mit dem Macintosh so Tag für Tag durchgeführt, wem genau muss der Bildschirm immer wieder seine Oberfläche hinhalten? macnewspaper hat sich auf die Pirsch nach Apple-Geschichten aus dem beruflichen wie privaten Alltag gemacht und einfach mal nachgefragt.
macnewspaper: Wie kommst Du mit Deiner aktuellen Berühmtheit klar?
Tazl: Damit komme ich sehr gut klar. Ich wüsste auch jetzt ehrlich gesagt keinen Grund, warum es mich belasten sollte. Es werden mehr Menschen international auf mich aufmerksam als es vorher sowieso schon der Fall war. Von daher ist alles beim Alten – nur etwas mehr.
macnewspaper: Stimmt es wirklich, dass sich limpbizkit an Dich gewendet haben, ohne dass Du Dich für den Auftrag beworben hast?
Tazl: Ja, so war’s. Der Kontakt kam von Fred Durst persönlich. Der hat mich über ein Jahr beobachtet und immer wieder auf meiner Website gesurft.
macnewspaper: Auf welche Weise habt Ihr kommuniziert und welche Stolpersteine musstet Ihr dabei aus dem Weg räumen?
Tazl: Wir kommunizieren per E-Mail, iSight-Kamera und manchmal auch per Telefon, wenn es wichtige technische Anforderungen zu klären gilt. Dann haben wir manchmal eine Telefonkonferenz zwischen Tazl in Duisburg, Interscope Records in L. A. und beispielsweise dem Unternehmen, welches für das Content Management System hinter der Site verantwortlich ist.
macnewspaper: Was kostet bei Dir die Erstellung eines Internetauftritts im Umfang und Stil der limpbizkit-Website?
Tazl: Das kommt immer auf den individuellen Fall an.
macnewspaper: Du sagst, Du bist 100 Prozent Mac-User. Was macht Dich so zufrieden mit dem Mac?
Tazl: Es ist die Logik, die Ästhetik und die Performance. Ich habe in den Achtziger Jahren meinen ersten Computer gekauft, das war ein Commodore 128 unter MS-DOS 3.2 – da gab es noch kein Windows oder so was. Und als ich dann Anfang der 90er meine Ausbildung in einer Duisburger Agentur angefangen hatte, kam ich in Kontakt mit dem Macintosh.
Zack – da war’s passiert. Der Mac ist seitdem meine ideale Lösung, meine Kreativität zu händeln. Da meine Kreativität nicht nur aufs Design alleine beschränkt ist – ich bin ja noch Musiker und noch mehr in meinem privaten Leben – kann man eigentlich sagen, der Mac ist die idealste technische Hilfe, mein Gehirn zu verwalten. Ich denke, das trifft es auf den Punkt.
macnewspaper: Welchen Mac setzt Du zur Zeit ein?
Tazl: Momentan arbeite ich hauptsächlich mit dem 15-Zöller Titanium Powerbook. Ein 12 -Zoll-Powerbook Aluminium habe ich auch noch.
macnewspaper: Welches Betriebssystem setzt Du ein und warum?
Tazl: Mac OS X – weil es sogar noch geiler ist als die ganze Classic-Reihe, die ich ja sehr geliebt habe.
macnewspaper: Mit welchen Programmen bearbeitest Du Deine Aufträge?
Tazl: Mit genau denselben Programmen, die auch in jeder Agentur oder Redaktion eingesetzt werden. Branchenstandards, sozusagen.
macnewspaper: Unsere Leser wird sicherlich interessieren: Bist Du Autodidakt oder ein studierter Grafikdesigner?
Tazl: Ich bin Autodidakt von jeher. Ich habe als kleiner Junge schon sehr gut gezeichnet. Auch was die Arbeit mit dem Rechner angeht, bin ich hier genauso Autodidakt. Studiert habe ich nie – ich war schon froh, dass ich meine Schule ein halbes Jahr vor dem Abitur abbrechen konnte. Dieses Rumgesitze und Quasseln über Vektoren, Parabeln und sich verschiebenden Erdplatten ist mir echt zu sehr auf den Keks gegangen. Weitere vier oder fünf Jahre Studium in abgefuckten Großräumen mit zig anderen Studenten wäre – glaube ich – mein Tod gewesen.
macnewspaper: Du hast neben Deiner Designertätigkeit auch zahlreiche weitere Projekte, wie etwa Deine Musik. Ist das mehr als ein Hobby?
Tazl: Da ich momentan in der eigenen Firmengründung stecke, kann ich die Musik zur Zeit nur als Hobby sehen. Nach wie vor sehe ich mich aber in meinen Visionen in entfernter Zukunft auf den MTV Music Awards mit Shakira, Mariah, Britney, Jennifer, Missy und Beyoncé auf der Bühne stehen, wenn Beyoncé mit ihren seidig glatten Haaren meinen Körper streichelt und Shakira lasziv zu meinen Beinen gleitet, während ich mit Fred Durst und Kenny Rogers eine Cover- Version von „To all the girls I’ve loved before“ singe (im Original von Julio Iglesias und Willie Nelson). Aber das hat noch Zeit – Beyoncé muss ja schließlich noch ein bisschen älter werden.
macnewspaper: Das Netzwerk der jungen Kreativköpfe young-talents.net wurde von Dir gegründet. Was genau ist das?
Tazl: Simpel ausgedrückt ist es eine Präsentationsseite für junge Kreativtalente. Es ist eine Good-Will-Aktion von mir, weil ich mir denke, einfacher können es die Leute nun wirklich nicht bekommen, ins Licht gerückt zu werden, da ja jeden Tag tausende Zugriffe auf meine Website kommen und davon natürlich immer einige auch aufs Netzwerk/ YoungTalents gehen. Und das bringt den Leuten natürlich mehr als wenn sie sich bei einem dieser grauen, organi- sierten Design-Portale eintragen, wo Arsch und Eimer und uninteressante Würste mit mehr als elf Enden ihr Forum kriegen und sich gegenseitig nur heruntermachen, weil sie zu feige sind, für sich selbst einzustehen. Bei mir wird der gezeigt, der Mut hat, seine Schnauze in die Öffentlichkeit zu hängen. Eine Strategie, die sich lohnt – wenn denn auch was dahintersteckt. Aber dafür ist jeder selbst verantwortlich. Ich stelle die Möglichkeit und das Licht.
macnewspaper: Die ausschließlich im PDF-Format erhältliche Zeitschrift Orangeflow ist ein weiteres Projekt von Dir. Was ist der Zweck des Projekts?
Tazl: Es ist mein Magazin mit Themen, die mich interessieren. Ich stelle hier andere Kreative und ihre Arbeiten vor und zeige die Dinge, die mir Spaß machen. Orangeflow gibt es seit 2001 und wird immer wieder unregelmäßig erscheinen – je nachdem wie ich gerade Zeit habe.
macnewspaper: Welche Projekte stehen zur Zeit bei Dir an? Arbeitest Du an einem weiteren Knaller à la limpbizkit?
Tazl: Ich arbeite sogar gerade konkret am Update für limpbizkit. Die Site wird viele neue Änderungen erhalten und gegen Ende Dezember online gehen.
Ansonsten bin ich mit der Vorbereitung zur eigenen Agentur-Gründung beschäftigt. Zusammen mit meinem Partner Ingo Thielen wird es ab dem ersten Quartal 2004 in Duisburg eine neue Agentur namens „TazlThielen Kommunikation“ geben. Natürlich in Orange.
Das Gespräch mit Martin Tazl führte Ümit Mericler